gedichte, die raum öffnen, berühren und nachklingen.

kühnheit der liebe
am rand der welt, wo der leuchtturm sein stilles feuer in die nacht atmet, brandet das meer an den klippen - wild, unaufhaltsam,
eine gewaltige bewegung aus etwas ewigem.
ich stehe darin, lasse meinen atem sich einweben in diesen rhythmus
und neben mir - du.
so nah, fast unfassbar, und doch so spürbar, diese intimität,
die keinen Namen braucht.
die wellen sprechen ohne pause, unablässig, immer wieder -
die liebe selbst hat noch nie gelernt aufzuhören.
“ich sag’s dir”, raunt das meer in mir, “ich werde dich lieben - immer weiter.”
und etwas in mir gibt nach, nicht leise - sondern roh, intensiv -
beinahe gefährlich in seiner wahrheit.
denn liebe hat den mut, alles offen zulegen, was ich heimlich,
immer wieder verborgen habe.
da ist es, das zerbrechliche, gebrochene kind, eng zusammengerollt in meinem innersten, voll sehnsucht nach einer zarten,
unerschütterlichen liebe.
und jetzt fühle ich es, die trauer steigt auf wie eine flut,
füllt alle räume, die ich verlassen habe.
doch ich gehe nicht.
ich bleibe.
wie die klippen unter dem unermüdlichen meer bleibe ich, beständig,
nicht hart, sondern offen.
ich lasse es geschehen, lasse es mich umarmen, mich umschlingen,
die alten wunden berühren, die selten gefühlt wurden.
wenn liebe dich überflutet und dir die wahrheit deines daseins zeigt,
gibt es kein entkommen - nur hingabe.
ich sinke in mich hinein und nehme dieses kind vorsichtig in meine arme.
so sanft, so zart, als hielte ich etwas seltenes, unendlich kostbares.
und ich flüstere: du bist nicht verloren.
du wurdest nur nicht gehalten.
und während ich bleibe, geschieht es - der schmerz weicht nicht,
aber er öffnet sich.
darunter beginnt etwas zu leuchten: eine leise, unerwartete freude, fast schüchtern, fast sprudelnd, ein neugeborenes gefühl von leben.
unglaublich.
und ich verstehe -
die liebe war nie getrennt vom Schmerz.
sie hat dort gewartet.
das meer schlägt weiter, wild und frei, ohne sich zu
entschuldigen für seine tiefe.
und ich lerne - so zu lieben: mutig, zärtlich, gebunden
an nichts ausser wahrheit,
durch jede welle hindurch, durch jedes brechen,
durch jedes wiederkommen, bis nur noch dies bleibt -
eine weite, ruhige gegenwart, ein stilles staunen.
ich wende mich dir zu, mir selbst, allem, was ich einst zu fühlen fürchtete - und sage endlich, ohne schutz, ohne zögern:
ich gehöre dazu.